Kattowitz (dpa/lnw) – Angesichts des seit mehr als vier Jahre andauernden russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wollen Nordrhein-Westfalen und Schlesien ihre Partnerschaft neu beleben. Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) lotete am Dienstag zum Auftakt seiner Polen-Reise bei Gesprächen in Kattowitz neue Kooperationsmöglichkeiten aus. «Gerade in einer Zeit großer geopolitischer Herausforderungen zeigt sich, wie wichtig starke, verlässliche Partnerschaften in Europa sind», sagte Wüst nach Gesprächen mit dem schlesischen Marschall Woijiech Saluga.
Das bevölkerungsreichste Bundesland und die polnische Region – beides industriell und vom Kohleabbau geprägte Regionen – sind seit gut 25 Jahren in einer Regionalpartnerschaft verbunden.
Angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine habe sich die Sicherheitslage in Europa grundlegend verändert, sagte Wüst. Deutschland könne von Polen «eine ganze Menge lernen, was Resilienz angeht, insbesondere im Umgang mit neuen Bedrohungen wie Drohnen». Anfang November lade die Landesregierung internationale Gäste zu einem Resilienz-Gipfel nach NRW ein, um neue Projekte anzustoßen.
Was NRW von Polen lernen kann
«Wir lernen», sagte Wüst auf die Frage, ob Deutschland die Bedeutung der Widerstandsfähigkeit in Zeiten von Bedrohungen unterschätzt habe. «Wir müssen unsere Hausaufgaben machen.» NRW wolle mit Polen, das an Russland und die Ukraine grenzt, den Austausch zur Gesundheitsvorsorge in Krisenregionen vertiefen und stärker bei Fragen der Cybersicherheit und des Umgangs mit Desinformation zusammenarbeiten, sagte Wüst.
Verwaltungschef Saluga machte die Krisenvorsorge in Schlesien an einem praktischen Beispiel deutlich: Wenn immer Krankenhäuser oder Schulen neu gebaut würden, müssten diese einen Schutzbunker wie etwa eine Tiefgarage haben. «Möchtet Ihr den Frieden haben, solltet Ihr Euch fit für den Krieg machen», so Salugas Rat.
Wüst wollte mit Vertretern des Universitätsklinikums Münster auch das polnische Stanisław Sakiel Burn Treatment Center, eine der führenden Spezialkliniken für Brandverletzungen in Mittel- und Osteuropa besuchen und eine Zusammenarbeit prüfen. Angesichts des Ukraine-Kriegs mit vielen auch zivilen Brandopfern leisten solch hochspezialisierte Zentren einen wichtigen Beitrag zur Versorgung schwer verletzter Menschen.
Prominente sollen Partnerschaft stärken
Neuen Schwung in die Partnerschaft mit Schlesien soll auch eine besondere Botschafter-Initiative der NRW-Landesregierung bringen. Dafür wurden etwa der Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten, Carsten Cramer, die Intendantin der Kölner Philharmonie, Ewa Bogusz-Moore und der Schauspieler Mateusz Dopieralski («Vito Bambino») gewonnen. Alle drei haben persönliche Verbindungen nach Schlesien.
Als Botschafter sollen sie und weitere Persönlichkeiten wie die Künstlerin Alice Musiol und der frühere Staatsminister Prof. Christoph Zöpel die Partnerschaft zwischen NRW und der polnischen Region künftig neu beleben – jenseits der politischen Termine. «Das macht es uns vielleicht auch leichter, Leute zu erreichen, die mit Politik nichts zu tun haben», sagte Wüst.
Die EU auch regional stärken
Auch die Zusammenarbeit im Format des sogenannten regionalen Weimarer Dreiecks zwischen NRW, Schlesien und der französischen Region Hauts-de-France soll gestärkt werden. Das auf Bundesebene 1991 gegründete Weimarer Dreieck ist ein politisches Kooperationsformat zwischen Deutschland, Frankreich und Polen. Diese Partnerschaft sei auch das Fundament für ein starkes und handlungsfähiges Europa, sagte Wüst. Echte Partnerschaft gebe es aber nur, wenn auch ein europäisches Zusammengehörigkeitsgefühl entstehe und es grenzüberschreitende Freundschaften zwischen den Menschen gäbe.
Zwar seien auch die deutsch-polnischen Beziehungen längst gemeinsamer europäischer Alltag. «Dennoch wissen wir auch, dass die Beziehungen in der jüngeren Vergangenheit nicht immer einfach waren», sagte Wüst. Der Umgang mit den Folgen der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg und polnische Reparationsforderungen sind ein Dauerthema in den Beziehungen beider Länder.
NRW ist seit vielen Jahren mit Polen eng verbunden. Im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland leben rund 800.000 Menschen mit polnischen Wurzeln.
Am Mittwoch besucht Wüst erstmals das ehemalige deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.