Wülfrath. Rund 150 Menschen haben am Tag der Deutschen Einheit, 3. Oktober, in der Kalkstadt gegen Rechtsextremismus und die AfD demonstriert.
„Stabile Wülfrather“, blickt Anne Schemann auf die Aktion zurück. Die Mitorganisatorin der Demonstration am Tag der Deutschen Einheit sagt aber auch: „Wir hätten uns natürlich noch mehr Teilnehmer gewünscht“. Die Rahmenbedingungen waren gut: Sonnenschein satt, Wochenende, sogar Feiertag. Am Ende nahmen zwischen 120 und 150 Menschen an dem Protest gegen Rechtsextremismus und die AfD teil, schätzt die Polizei. Angemeldet waren 350 Demonstranten. Der Tag sei schwierig gewesen, so Schemann. Auch die Suche nach Rednern war letztlich „nicht so einfach“. Dennoch: Die Zahl der Menschen, die für ihre Belange auf die Straßen gehen, wird sichtbar kleiner. Auch die begleitenden Polizeibeamten bestätigen diesen Trend. Demo-Müdigkeit sieht Anne Schemann aber nicht. Die Teilnehmerzahl sei „ungefähr wie erwartet“ gewesen.
Die Botschaft der protestierenden Wülfratherinnen und Wülfrather ist unverändert: Gegen Ausgrenzung, Hass, anti-demokratische Strömungen und die Alternative für Deutschland (AfD) wendet sich die Aktion am Samstagvormittag. Das „Bündnis gegen Rechts“ hatte zum Mitmachen aufgerufen.
„Was bringen Demos eigentlich?“, so Sandra Michalke von der Chorgemeinschaft Wülfrath in einem der Redebeiträge. Diese Frage sei ihr gestellt worden. Und sie hatte eine Antwort: „Wo wären heute die Frauen ohne die Suffragetten? Wo wären die Arbeiter ohne die Gewerkschaften? Wo wäre Deutschland ohne die friedlichen Demonstrationen in der DDR?“ Mit ihre Beispielen verdeutlicht Michalke, dass sich etwas bewegt, obwohl die Bewegungen nicht immer sofort sichtbar sind. Auch bezogen auf die Proteste gegen die Alternative für Deutschland sieht die Wülfratherin entsprechende Effekte: „Sobald wir wieder laut sind und viel auf die Straße gehen, demonstrieren und uns wehren, fallen die Umfragewerte für die AfD“. Ein Kern der jüngsten Demo in der Kalkstadt ist das Prüfverfahren über ein Parteiverbot der Alternative für Deutschland. Hierzu müsste letztlich eines der drei ständigen Verfassungsorgane – Bundesrat, Bundestag oder die Bundesregierung – tätig werden. Über ein Verbot hat das Verfassungsgericht zu entscheiden. Entsprechend fällt die Forderung der Wülfrather Demonstranten an diesem Tag aus: „Prüfen – jetzt!“, so lautet die Botschaft, die man „nach Berlin senden“ wolle, sagt Sandra Michalke.
Helmuth Späth, Vorstand der Seniorenvertretung Wülfrath, verweist auf die Notwendigkeit des individuellen Engagements: „Demokratie beginnt bei uns, bei jedem Einzelnen in unserer Stadt: Am Arbeitsplatz, in Vereinen, in unseren Familien, im täglichen Miteinander“. Demokratie sei wie ein Haus, das man pflegen müsse. Jede Generation trage Verantwortung, so Späth. Dass politische Bildung kein Thema des Erwachsenenlebens ist, zeigt das Engagement der örtlichen Pfadfinder. Deren Leitungspersonen haben an dem Protest teilgenommen. „Für die Zukunft unserer Kinder ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen“, sagt Dagmar Priebe-Hahn, Vorständin der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) Stamm Franken aus Wülfrath. Berührungspunkte gebe es auch für die Jüngsten bei den Pfadfindern. „Die Kinder haben vor allem nach den Wahlen erzählt, was sie davon in der Schule mitbekommen haben“, so Priebe-Hahn. Schon jetzt rücke bei der Pfadfindergemeinschaft in den Mittelpunkt, wie man zu den anstehenden Landtagswahlen in 2027 mit dem Themenbereich umgehen solle. Ein früher Start für politische Bildung sei heutzutage wichtig, ergänzt die Claudia Bauer, Leiterin der Wölflinge. „Wir müssen die Kinder dazu befähigen, nachzudenken. Sie sollen sich selbst Gedanken machen und Entscheidungen treffen – und nicht wie die Lemminge hinterherzurennen“.
Schon jetzt zeichnet sich ab, dass das Protestgeschehen in der Kalkstadt mit Blick auf die kommende NRW-Wahl am 24. April im neuen Jahr zunehmen wird. „Wir werden uns auf jeden Fall etwas einfallen lassen“, sagt Anne Schemann. „Wir bleiben laut“.


