
Ratingen. Wegen der Entschärfung eines amerikanischen Fünf-Zentner-Bombenblindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg hat die Stadt Ratingen in den Abendstunden große Teile der Innenstadt geräumt – in dieser Dimension hatte es das in Ratingen noch nie gegeben.
Erster Beigeordneter Harald Filip, der Leiter des Stabs für außergewöhnliche Ereignisse der Stadt Ratingen, zog am Ende eine positive Bilanz: „Dank des enormen Einsatzes zahlreicher Helferinnen und Helfer sowie der Einsicht und Kooperation der betroffenen Bürgerinnen und Bürger hat (fast) alles sehr gut geklappt. Ich kann mich bei allen Beteiligten und Betroffenen nur herzlich bedanken.“
Die Bombe war bei Bodenerkundungen zur Vorbereitung von Bauarbeiten entdeckt worden. Durch die Auswertung von Luftbildern ergab sich ein Verdacht, dann wurde an der entsprechenden Stelle in vier Metern Tiefe im Garten des Seniorenheims Marienhof ein metallischer Gegenstand geortet. Die Sondierungen in den Morgenstunden am Montag brachten dann die letzte Gewissheit, dass es sich um eine Fliegerbombe handelt.
Aufgrund der geplanten Sondierung hatte die Stadt Ratingen zwar etwas Zeit, um sich auf den Fall der Fälle vorzubereiten; es gab aber noch entscheidende offene Fragen, die erst im Laufe des Montags nach Freilegung des detektierten Objektes beantwortet werden konnten. Vor allem der Räumungsradius und die Räumungszeit konnten erst nach der abschließenden Rücksprache mit den Entschärfern vom Kampfmittelbeseitigungsdienst festgelegt werden.
Im Laufe des Wochenendes hatten sich bereits zahlreiche Menschen beim Ordnungsamt gemeldet, die im Fall der Fälle Hilfe beim Transport in die Stadthalle benötigen. Auch die besonders aufwendige Evakuierung der beiden Senioreneinrichtungen am St.-Marien-Krankenhaus konnte geplant werden. Die Stadthalle wurde als zentrale Anlaufstelle für betroffene Anwohnerinnen und Anwohner vorbereitet.
Am späten Vormittag des Montags kam dann die Gewissheit: Es ist eine Bombe, der Räumungsradius wurde auf 300 Meter vom Fundort festgelegt. Die logistische Maschinerie kam in Gang: Sperrpunkte wurden festgelegt, die Öffentlichkeit informiert, die Patienten-Transport-Züge (PTZ) in Nachbarstädten angefordert.
Vier PTZ kamen nach Ratingen, um den Transport der Heimbewohner aus den Heimen in die Stadthalle durchzuführen. Jeder PTZ besteht aus vier Krankentransportwagen und vier Rettungswagen plus Leitfahrzeug, insgesamt waren also allein für den Transport der Heimbewohner 36 Fahrzeuge im Einsatz. Außerdem stellte die Rheinbahn zwei Busse, um die Bewohner zu transportieren, die noch besser zu Fuß sind. Gleichwohl dauerte die Räumung der Heime mehrere Stunden, denn viele Bewohner mussten liegend transportiert werden.
Um 18 Uhr wurde die Räumungszone abgesperrt, während die Transporte aus den Heimen noch andauerte. Dafür hatten sich zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Amtes für kommunale Dienste freiwillig gemeldet. 17 Sperrstellen wurden, unterstützt durch Kräfte der Polizei, gesichert. Währenddessen gingen Kräfte des kommunalen Ordnungsdienstes, auch hier im Bedarfsfall unterstützt durch die Polizei, von Tür zu Tür, um sicherzustellen, dass sich niemand mehr in der Räumungszone aufhält.
Mit wenigen Ausnahmen zeigten sich die betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner verständnisvoll für die Unannehmlichkeiten. Lediglich eine Person, die sich standhaft weigerte, ihre Wohnung zu verlassen, musste durch die Polizei in Gewahrsam genommen werden.
Um 20.50 Uhr konnte Entschärfer Julian Granzow vom Kampfmittelbeseitigungsdienst endlich ans Werk gehen. Um 21.20 Uhr meldete er Vollzug. Die beiden Zünder der Weltkriegsbombe waren entschärft. Die Sperrungen konnten aufgehoben werden.
Doch damit war dieser lange Tag immer noch nicht beendet. Denn die Heimbewohner und ihre Rollstühle und Rollatoren mussten zurück an die Angerstraße bzw. an die Werdener Straße gebracht werden. Das ging bis weit nach Mitternacht.
Einige Zahlen zum Einsatz
2.300 Menschen, die in der Räumungszone wohnen, mussten ihre Häuser verlassen. Rund 248 Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Seniorenheime wurden transportiert. 561 weitere Bürgerinnen und Bürger kamen in die Stadthalle, die Stadt Ratingen führte 19 Transporte aus Privathaushalten durch.
An die 300 Kräfte waren an dem Einsatz, überwiegend vom frühen Morgen bis in die Nacht, beteiligt, darunter: 173 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst mit zahlreichen Fahrzeugen; 46 Mitarbeiter des Amtes für kommunale Dienste mit 21 Fahrzeugen für die Sperrstellen; 26 Mitarbeiterinnen des Ordnungsamtes und weiterer Ämter für die Patrouillengänge und den Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern; zahlreiche Mitarbeiter der Polizei; zahlreiche Mitarbeiter des Kulturamtes und weiterer Ämter in der Stadthalle.
SAE-Leiter Harald Filip erinnert daran, dass Ratingen keine nennenswerte Vorerfahrung mit solchen Einsätzen hat. „Gleichwohl können wir unter dem Strich sehr zufrieden sein. Wir werden jetzt die Abläufe analysieren, um zu sehen, ob wir sie in Zukunft an der einen oder anderen Stelle vielleicht noch optimieren können.“
Im Gegensatz zu vielen Großstädten in der Nachbarschaft sind Bombenentschärfungen in Ratingen eine Seltenheit. In den 80er Jahren war ein Blindgänger auf Höhe der Jägerhofbrücke in dem damals hier noch spärlich bebauten Tiefenbroich gefunden worden und 2003 einer im Erholungspark Volkardey. In beiden Fällen war der Räumungs- und Sperraufwand jedoch in keiner Weise mit dem 26. Januar zu vergleichen, nur wenige Menschen waren betroffen. Dabei ist das eigentlich erstaunlich, dass es hier so wenige Funde gibt. Denn Ratingen ist im Zweiten Weltkrieg durchaus häufig aus der Luft angegriffen worden, am massivsten am 22. März 1945, als viele Gebäude in der Innenstadt zerstört wurden. Mutmaßlich von diesem Angriff stammte wohl auch der jetzt entschärfte Blindgänger im Garten des Marienhofs.

