Auf dem Areal tut sich einiges. Foto: Nestocom
Auf dem Areal tut sich einiges. Foto: Nestocom

Ratingen. Am Blauen See ist sichtbar etwas passiert. Die Aufbauten der insolventen Erlebniswelt sind abgerissen, die Fläche ist geräumt, die Stadt will noch in diesem Jahr eine Interimsnutzung ermöglichen. Die CDU-Fraktion begrüßt das Tempo der Verwaltung ausdrücklich. Geplant sind unter anderem Foodtrucks, die Herrichtung eines kleinen Spielplatzes am See und eine bessere Wegeverbindung zur Naturbühne – die Umsetzung von Plänen ist dabei für dieses Jahr angedacht. Eine zentrale Frage bleibt allerdings: Wie gut lassen derartige Ideen umsetzen angesichts der bereits laufenden Sommersaison? Ein Kommentar.


Das ist zunächst eine gute Nachricht. Denn der Blaue See gehört zu den besonderen Orten Ratingens. Naturbühne, Märchenzoo, Minigolfplatz, Bootsverleih und das Gelände rund um den ehemaligen Kalksteinbruch sind für viele Bürgerinnen und Bürger mit Kindheitserinnerungen verbunden. Zugleich ist der Standort seit Jahrzehnten ein schwieriger Fall. Immer wieder gab es Ideen, Konzepte und Hoffnungen, aus dem Areal einen modernen Freizeit- und Naherholungsort zu machen. Wirklich tragfähig wurde daraus bisher wenig.

Genau an diesem Punkt lohnt sich der Blick über Ratingen hinaus. Ein aktuelles Branchenpapier zur Freizeitwirtschaft beschreibt, wie stark Freizeitbetriebe durch Bürokratie, Genehmigungsverfahren, Dokumentationspflichten, Bauvorgaben, Arbeitsrecht und Prüfpflichten belastet werden. Für einen Standort wie den Blauen See ist das hoch relevant. Wer dort etwas Neues entwickeln will, bewegt sich nicht auf einer grünen Wiese. Es geht um Naturraum, Wasser, Wald, alte bauliche Anlagen, Brandschutz, Verkehr, Besucherlenkung, Gastronomie, Tierhaltung, Bühne, Freizeitbetrieb und öffentliche Verantwortung. Aus einer schönen Idee wird schnell ein komplexes Verfahren.

Dennoch wäre es zu einfach, die Probleme des Blauen Sees allein auf Bürokratie zu schieben. Die eigentliche Geschichte des Areals ist auch eine Geschichte über verpasste Erneuerung. Schon frühere Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass das Gelände zwar einen hohen Bekanntheitsgrad und emotionale Kraft besitzt, aber in Teilen veraltet ist. Viele Angebote wirkten eher nebeneinander gewachsen als aus einem Guss geplant. Die Naturbühne besitzt eine überregionale Strahlkraft, der Märchenzoo genießt Rückhalt bei Familien, doch ein starkes, wirtschaftlich belastbares Gesamtkonzept fehlte über lange Zeit.

Auch große Lösungen wurden immer wieder diskutiert. Selbst Modelle wie Karls Erlebnis-Dorf dienten zeitweise als Vergleich dafür, wie moderne Freizeitangebote funktionieren könnten: klar thematisiert, professionell geführt, gastronomisch stark, familienorientiert und ganzjährig attraktiv. Doch genau daran zeigt sich die Grenze des Blauen Sees. Der Standort ist reizvoll, aber schwierig. Er ist kein klassisches Freizeitparkgelände, sondern ein gewachsener Natur- und Erinnerungsraum mit vielen Einschränkungen.

Die aktuelle Entwicklung kann deshalb nur ein erster Schritt sein. Foodtrucks, Spielplatz und bessere Wege sind sinnvoll, sie ersetzen aber kein dauerhaftes Konzept. Entscheidend wird sein, ob die Stadt im kommenden Jahr den Mut zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme hat. Was kann der Blaue See wirtschaftlich leisten? Was muss öffentlich finanziert werden, weil es zur Daseinsvorsorge und Naherholung gehört? Welche Angebote haben Zukunft? Und wo muss man sich von alten Wunschbildern verabschieden?

CDU-Fraktionschef Stefan Heins spricht vom großen Potenzial des Areals. Ewald Vielhaus lobt, dass nach dem Abriss wieder etwas Lebendiges entstehen könne. Beides ist richtig. Doch der Blaue See braucht mehr als Aufbruchsrhetorik. Er braucht ein realistisches Zielbild: kein Freizeitpark im Großformat, sondern ein naturnaher, verlässlicher und finanziell sauber aufgestellter Ort für Familien, Kultur, Erholung und kleine Freizeitangebote.

Der Abriss der Erlebniswelt beendet ein Kapitel. Ob daraus wirklich ein neuer Anfang wird, entscheidet sich nicht an der Geschwindigkeit der Räumung, sondern an der Qualität des kommenden Gesamtkonzepts.