Ratingen. Die Stiftung Haus Oberschlesien trauert um Janosch. Horst Eckert, wie er bürgerlich hieß, ist am 3. November im Alter von 95 Jahren auf Teneriffa gestorben, wo er mit seiner Frau Ines mehr als vier Jahrzehnte lebte.
Ganze Generationen sind mit Tiger, Bär und der Tigerente aufgewachsen. Weniger bekannt ist, dass am Anfang dieses Werkes eine oberschlesische Kindheit stand – und dass Janosch diese Herkunft nie abgestreift hat. Für unser Haus, das die Geschichte und Kultur Oberschlesiens bewahrt und vermittelt, war er stets einer von uns, auch wenn er sich jeder Vereinnahmung entzog.
Eine Kindheit im Familok
Janosch wurde am 11. März 1931 in Hindenburg, dem heutigen Zabrze, geboren. Er wuchs zunächst bei den Großeltern in einem Familok auf, jenen Bergarbeiterhäusern, die das oberschlesische Industrierevier prägten. Die Grenze zu Polen lag nur einen Steinwurf entfernt, und in der Familie wurde überwiegend Polnisch gesprochen.
Schon sein Vorname war eine Last. Seine Biografin Angela Bajorek berichtet, der Vater Johann Eckert habe den Sohn nach dem SA-Mann Horst Wessel benannt – um die polnische Herkunft der Familie zu überdecken und sich der NSDAP anzudienen. Den Namen, den ihm ein Anpassungsversuch an die neuen Machthaber eingetragen hatte, legte Janosch später ab.
Der Vater war Trinker und schlug Frau und Kind, berichtet wird von einer Lederpeitsche. Auch die Mutter misshandelte den Jungen. Janosch selbst hat diese Jahre mit einem einzigen Wort beschrieben: Hölle. Die Angst vor Gott, vor dem Rausch und den Schlägen des Vaters begleitete ihn lange; über viele Jahre versuchte er, die Erinnerungen mit Alkohol zu betäuben. „Weil ich eigentlich keine Kindheit hatte, muss ich sie jetzt ständig nachholen“, sagte er seiner Biografin.
Schlesier – nicht mehr, nicht weniger
Nach seiner Nationalität gefragt, nannte Janosch sich Schlesier. „In meiner Familie ist nur der Name Eckert deutsch“, hat er einmal gesagt; die anderen Großeltern hießen Piecha, Morawiec und Głodny.
Man darf vermuten, dass diese Haltung auch eine Antwort auf den Vater war. Wer erlebt hat, wie das Bekenntnis zur Nation zur Pose der Anbiederung wurde – ausgerechnet bei dem Mann, der ihn schlug –, dem musste jede nationale Zuschreibung verdächtig bleiben. Die Region dagegen, ihre Sprache, ihre Menschen und ihr Grenzlandschicksal, war keine Ideologie, sondern Erfahrung. Dass Janosch sich zeitlebens eher als Schlesier denn als Deutscher verstand, lässt sich so als Abgrenzung lesen: von der Welt des Vaters, nicht von der Heimat.
Diese Heimat ließ ihn nie los. 2011 nahm er die Ehrenbürgerwürde von Zabrze an, und seiner Biografin vertraute er an, er wünsche sich nichts mehr, als in Zabrze begraben zu werden. Seine Geschichten sind damit auch ein Stück oberschlesischer Gegenwart in Deutschland wie in Polen.
Vom Webstuhl zur Tigerente

Als Flüchtling kam die Familie nach dem Krieg in den Westen. Im Raum Oldenburg arbeitete der junge Horst Eckert in einer Textilfabrik, 1953 ging er nach München und studierte einige Semester an der Akademie der Bildenden Künste, ohne abzuschließen. 1960 erschien sein erstes Kinderbuch; sein Verleger und Freund Georg Lentz riet ihm zum Künstlernamen Janosch.
Mit dem Roman „Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm“ rechnete er 1970 mit seiner Kindheit in Oberschlesien ab – das bis heute eindringlichste literarische Zeugnis des Hindenburger Arbeitermilieus. 1978 folgte mit „Oh, wie schön ist Panama“ der Durchbruch. Rund 150 Bücher, übersetzt in Dutzende Sprachen, und das Bundesverdienstkreuz 1993 markieren den Weg.
Seine Kindergeschichten sind ein Gegenentwurf zur eigenen Herkunft: Freundschaft statt Gewalt, Sanftmut statt Lautstärke, ein Paradies auf Papier für Kinder, denen er geben wollte, was er selbst nicht hatte.
In den siebziger Jahren war Janosch auf Einladung unserer Stiftung zu einer Lesung in der Villa Haus Oberschlesien in Ratingen-Hösel zu Gast. Es waren die Jahre, in denen er mit „Cholonek“ seine oberschlesische Herkunft literarisch verarbeitet hatte und am Beginn seines großen Erfolgs stand.
Dass er den Weg in ein Haus fand, das sich der Erinnerung an Oberschlesien widmet, erfüllt uns rückblickend mit Dankbarkeit. Er, der öffentliche Auftritte zunehmend mied, brachte an diesem Ort zusammen, was für ihn untrennbar war: die Herkunft aus dem Revier zwischen Deutschen und Polen und die Freiheit, sich von ihr erzählend zu lösen.
Mit Janosch verlieren wir einen der bedeutendsten Erzähler, die Oberschlesien hervorgebracht hat. Er hat gezeigt, dass man aus einer beschwerten Herkunft etwas machen kann, das Kinder in aller Welt tröstet. Unser Mitgefühl gilt seiner Frau Ines.


