Menschenmenge mit Regenschirmen bei Veranstaltung im Freien
Ohne Schirm ging fast nichts bei der rund einstündigen Kundgebung auf dem Platz Am Offers. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verteilten sich auf dem gesamten Platz bis an die angrenzende Friedrichstraße. Foto: Mathias Kehren

Velbert. Hunderte haben am heutigen Samstag in der Innenstadt gemeinsam ein Zeichen gegen Rechtsextremismus sowie für Toleranz, Vielfalt und Demokratie gesetzt. Die Kernbotschaft ist auch in Velbert: „Nie wieder ist jetzt“. 

Etwa 800 Menschen haben sich laut Schätzungen der Polizei auf dem Platz vor der Offerskirche in der Velberter Innenstadt versammelt, um ein Statement gegen Rechtsextremismus und für demokratische und gesellschaftliche Grundwerte zu setzen. Matthias Gohr, Vorsitzender der Velberter SPD, hatte die Demonstration angemeldet – „als Bürger, ganz privat“, so Gohr. Er hatte im Vorfeld mit 500 bis 800 Teilnehmern gerechnet und die Prognose letztlich getroffen. Beachtlich sei die Zahl, so Organisatoren, weil das Wetter so gar nicht mitspielen wollte. Pünktlich zum Start der Kundgebung setzte der Regen ein.

Dass in Velbert überhaupt demonstriert wird, ist bemerkenswert, denn das kommt selten vor. Auch bei den Protesten gegen rechts hinkte man deutlich kleineren Städten hinterher. „Tatsächlich hat es ein bisschen länger gedauert, weil ich geglaubt hatte, dass Velberter noch nicht bereit dafür ist“, meint Gohr. Ihm seien dann allerdings „viele ins Ohr gestiegen“, man müsse doch etwas machen. Letztlich formte sich ein breites Bündnis aus Parteien und lokalen Akteuren, das die Veranstaltung innerhalb kurzer Zeit auf die Beine stellen konnte. Die Kernbotschaft laut Mathias Gohr: Zusammenhalt demonstrieren und „zeigen, was wir wollen“. Liest man die Schilderbotschaften der Menschen auf dem Platz Am Offers, so sind das vor allem eine bunte Gesellschaft, keine braune; Toleranz und ein friedliches Miteinander. Auch was man nicht möchte, zeigten die Demonstranten deutlich: die AfD.

Zu den prominenten Rednern bei der Kundgebung gehörte Velberts Bürgermeister Dirk Lukrafka. „Es macht mich stolz, heute auf dem Platz Am Offers so viele Menschen zu sehen und mitzuerleben, wie sich auch Velbert gegen Rassismus und Ausgrenzung und für die Demokratie einsetzt“. Lukrafka mahnt: Demokratie sei keine selbstverständliche Staatsform; nicht einmal die Hälfte der Weltbevölkerung lebe in einer Demokratie. Erstmals seit 2004 würden die autoritären Regierungen die Zahl der Demokratien weltweit überschreiten.

„Wir alle beobachten in den vergangenen Monaten, wie sich die Stimmung in unserem Land verändert“, so Lukrafka. Es scheine sich ein Klima der Missgunst und des Hasses zu verbreiten. „In unserer Stadt ist dafür kein Platz“, stellt Velberts Bürgermeister klar.

Um was es letztlich geht, stellt Tobias Glittenberg, Projektleiter von „41 Leben“ zur Aufarbeitung der Biografien von NS-Opfern in Velbert, durch seinen Redebeitrag klar: Haltung bewahren, nicht wegschauen. „Bei der Wannseekonferenz wurde vor 82 Jahren die systematische Ermordung der Juden geplant. Nun deckte das Medienhaus Correctiv auf, dass sich nur acht Kilometer davon entfernt, Vertreter der AfD, Juristen, Ärzte, Neonazis, Burschenschafter, Unternehmer und Investoren trafen“. Sie hätten von Remigration geredet: „Dieses Wort bedeutet eine massenhafte Ausweisung von Menschen mit Migrationshintergrund. Da wird ein neues Wort geschaffen, um zu verschleiern, dass es sich dabei um Deportation handelt“, mahnt Glittenberg. Auf den Applaus nach diesen Worten wurde es mucksmäuschenstill, denn der Velberter las aus einem Brief einer Freundin der Nevigeserin Johanna Windmüller vor. Sie wurde deportiert. „So half ich ihr einen großen Koffer packen, mit all ihren schönsten Sachen, und zwei große Wolldecken, Matratzen, Feder- und Bettzeug – so wie es Vorschrift war. Am letzten Abend, als ich bei ihr war, sprach sie ziemlich zuversichtlich, dass die Nazis doch den Krieg verlieren würden. Von einem Sammellager aus ging, wie ich dann hörte, in aller Frühe der Zug nach Litzmannstadt“. Johanna Windmüller starb einem Dokument der Gedenkstätte Yad Vashem zufolge am 24. September 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt.

Es war nicht der einzige Blick zurück auf das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Zu viele hätten weggeschaut oder sogar mitgemacht. „Und darum ihr Lieben, schaut nicht weg“, appelliert Tobias Glittenberg. „Habt den Mut, euch über Geschehenes und Zukünftiges auszutauschen“. Demokratie müsse leben, man solle sich engagieren: „Werdet Oma gegen Rechts und nehmt Opa gleich mit“, so Glittenberg. „Gründet Arbeitsgruppen, geht Stolpersteine putzen oder spendet für sie.“ Nie wieder sei jetzt: „Bleibt menschlich!“.

An die Kundgebung schloss sich ein Demonstrationszug über den Velberter ZOB, durch die Innenstadt bis zurück zur Offerskirche an. Erst dann löste sich die Menschenmenge auf, einige blieben für Gespräche vor Ort oder lasen, was auf dem Gedenkstein vor der Alten Kirche steht. Unter anderem: „Den Lebenden zur Mahnung“.

Der Protest in Velbert ist einer von vielen in der Bundesrepublik. Zu ersten Demonstrationen kam es, nachdem das Recherche-Zentrum „Correctiv“ über ein Treffen in Potsdam berichtet hatte, an dem unter anderem Rechtsextremisten und Vertreter der AfD teilnahmen. Zunächst in größeren Städten, dann auch in kleineren Kommunen kam es in der Folge zu Demonstrationen, an denen teils mehrere Zehntausend Menschen gemeinsam ein Zeichen setzten. Auch in Velbert könnte es zu weiteren Protesten kommen. „Das war jetzt ein Anfang“, meint Matthias Gohr.