André Bär an seinem Arbeitsplatz im Mettmanner Rathaus. Foto: Kreisstadt Mettmann
André Bär an seinem Arbeitsplatz im Mettmanner Rathaus. Foto: Kreisstadt Mettmann

Mettmann. Die Schließung der Geburtshilfe am Evangelischen Klinik in Mettmann sieht Bürgermeister André Bär als „Weckruf an die Gesundheitspolitik“. 


Bürgermeister André Bär bedauert die Nachricht, dass die Geburtshilfe im Evangelischen Krankenhaus Mettmann (EVK) zum 31. Dezember geschlossen werden soll. Das sei für Mettmann ein schmerzhafter Verlust. „Eine wohnortnahe Geburtshilfe ist weit mehr als eine medizinische Leistung: Sie gehört für viele Menschen zu einer guten und verlässlichen Daseinsvorsorge und gibt werdenden Eltern Sicherheit in einer ganz besonderen Lebensphase“, so Bär, dessen erster Gedanke den Mitarbeitenden der Geburtshilfe gilt. „Hebammen, Ärzte sowie alle weiteren Beschäftigten haben über viele Jahre hervorragende Arbeit geleistet und unzählige Familien einfühlsam, kompetent und professionell begleitet. Sie haben über viele Jahre dafür gesorgt, dass Kinder in Mettmann sicher und unter guter medizinischer und menschlicher Betreuung zur Welt kommen konnten. Diese Arbeit verdient unsere Anerkennung und unseren Respekt. Gleichzeitig möchte ich die Krankenhausführung für ihr langjähriges Engagement für die Geburtshilfe würdigen. Ich weiß aus einem persönlichen Gespräch mit der Geschäftsführung des EVK, welches vor Bekanntgabe der Schließung stattfand, dass die Krankenhausführung in den vergangenen Monaten und Jahren erhebliche finanzielle und personelle Anstrengungen unternommen hat, um die Schließung der Station abzuwenden. Am Ende haben jedoch die politischen Regelungen auf Bundes- und Landesebene mit ihren strukturellen Vorgaben und finanziellen Rahmenbedingungen entscheidend dazu beigetragen, dass dieser Schritt offensichtlich unausweichlich geworden ist.“

Kritik an Gesundheitspolitik von Bund und Land

Die Schließung der Geburtshilfe in Mettmann reiht sich in eine bundesweite Entwicklung ein. In den letzten Jahren sind zahlreiche Geburtsstationen aufgeben worden. Darauf wies bereits das Deutsche Ärzteblatt auf Basis von Zahlen des Statistischen Bundesamtes hin. Demnach ist die Zahle der Krankenhäuser mit Entbindungsstationen von 1.186 im Jahr 1991 auf 578 im Jahr 2024 gesunken. Die Anzahl hat sich halbiert. Auch Fachabteilungen für Frauenheilkunde und Geburtshilfe musste Einschnitte verkraften: Hier sank die Zahl von 1.275 im Jahr 1991 auf 758 im Jahr 2924. Ein Minus von rund 40 Prozent. Besonders stark betroffen ist Nordrhein-Westfalen – hier sank die Zahl der Kliniken mit Entbindungsstationen von mehr als 260 auf rund 120. Weil Patienten zudem kürzere Klinikaufenthalte haben, sank auch die Bettenauslastung deutlich.

„Die Entscheidung ist deshalb nicht einfach als Entscheidung gegen die Geburtshilfe in Mettmann zu verstehen. Sie ist
vielmehr Ausdruck eines gesundheitspolitischen Systems, das Krankenhäuser zunehmend vor schwierigere
wirtschaftliche Herausforderungen stellt. Die Geburtshilfe ist dabei ein besonders sensibles Beispiel.
Wenn wir einerseits über Familienfreundlichkeit und die Bedeutung von Kindern für unsere Gesellschaft sprechen,
dürfen wir andererseits nicht zulassen, dass wohnortnahe Angebote für werdende Eltern Schritt für Schritt
verschwinden“, so Bürgermeister Bär. Die Schließung der Geburtshilfe sei nicht nur eine betriebswirtschaftliche Entscheidung eines Krankenhauses. „Sie ist ein Weckruf an die Gesundheitspolitik“, so Mettmanns Bürgermeister. Er kritisiert zudem: Auch wenn Krankenhäuser in der heutigen Zeit wirtschaftlich arbeiten müssten, dürfe Gesundheit nicht zur gewöhnlichen Ware werden. Der Wert einer Geburtshilfe lasse sich nicht allein anhand von Fallzahlen und einer betriebswirtschaftlichen Bilanz beurteilen.

„Hinter jeder Geburt steht eine Familie – und hinter jeder medizinischen Infrastruktur steht die Frage, wie sicher und gut Menschen in ihrer Heimatstadt versorgt werden können. Deshalb sehe ich den zunehmenden Sparkurs in der Gesundheitspolitik mit großer Kritik. Wenn Krankenhäuser wegen steigender Kosten, wachsender Anforderungen und gleichzeitig unzureichender beziehungsweise immer stärker eingeschränkter Finanzierung unter Druck geraten, darf die politische Antwort nicht darin bestehen, den Einrichtungen anschließend vorzuwerfen, dass bestimmte Angebote nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können. Wer wohnortnahe medizinische Versorgung erhalten will, muss
auch bereit sein, die dafür notwendigen finanziellen Rahmenbedingungen zu schaffen“, kommentiert der Bürgermeister.

In einer mittelgroßen Stadt wie Mettmann bleiben die Wege laut statistischer Auswertung kurz. Rund drei Viertel der weiblichen Bevölkerung zwischen 16 und 49 Jahren könnten demnach eine Klinik mit einem Fachbereich der Frauenheilkunde oder Geburtshilfe innerhalb von 15 Minuten erreichen. Alternativen im Kreis Mettmann gibt es in Velbert und Hilden. Zudem sind Wuppertal und Düsseldorf sowie Solingen gut erreichbar.

André Bär kommentiert: „Gerade bei der Geburtshilfe hat die Nähe zur medizinischen Einrichtung für werdende Eltern eine besondere Bedeutung. Die Entwicklung in Mettmann zeigt deshalb auch, dass die Gesundheitsversorgung als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge verstanden werden muss. Bund und Land tragen hier eine besondere Verantwortung. Die Kommunen stehen am Ende häufig vor den Folgen gesundheitspolitischer Entscheidungen, obwohl sie auf die Finanzierung und die gesetzlichen Rahmenbedingungen nur sehr begrenzten Einfluss haben. Ich erwarte deshalb von der Bundes- und Landespolitik, dass sie sich mit der Frage auseinandersetzt, wie viel uns eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung wert ist. Wer immer höhere Anforderungen an Krankenhäuser stellt und gleichzeitig die finanziellen Spielräume weiter einschränkt, darf sich über die daraus resultierenden Auswirkungen nicht wundern. Für Mettmann bedeutet die Entscheidung zugleich, dass wir nach vorne schauen müssen. Ich begrüße ausdrücklich, dass das EVK die Gynäkologie mit ihrem umfangreichen medizinischen Angebot am Standort erhalten will. Ebenso wichtig ist mir, dass für die Hebammen und Beschäftigten der Geburtshilfe gute und tragfähige Perspektiven entwickelt werden. Ich wünsche mir, dass das EVK, die Stadt Mettmann und die weiteren Beteiligten diesen Prozess gemeinsam gestalten. Wir sollten alles daransetzen, die medizinische Versorgung am Standort Mettmann langfristig zu sichern und weiterzuentwickeln.“

Gegen Kürzungen im medizinischen Bereich stemmen sich Ärzte und Fachpersonal bei bundesweiten Demonstrationen. In der Region findet ein solcher Protest am 17. Oktober ab 13 Uhr auf dem Heumarkt in Köln statt. Weitere Demos sind dieses Jahr in Hamburg und Dresden geplant. Das Motto: „Es ist Punkt 12! – Gesundheit statt Sparwahn“. Initiiert hatte die Protestaktion die Kinderärztin Bea Merscher. In einem Forderungspapier nennen die Engagierten unter anderem die „Rücknahme des GKV-Spargesetzes“. Zudem setzen sie sich für Kinderkliniken und konkret die Geburtshilfe ein, fordern eine Finanzkommission aus echten Praktikern und mehr Verantwortung auf Seiten der Pharmaindustrie.